Institut für Ressourcenmanagement
. .

Transdisziplinarität - Wissenschaftskooperation

Transdisziplinarität – Das Ideal der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis als Dauerbaustelle

Transdisziplinäre Forschung spielt ihre Stärken vor allem in transformativen Forschungsprojekten aus, die sich sozialökologischen und Nachhaltigkeitsthemen widmen. Auch für weitere lebensweltliche Herausforderungen, die gestalterisch und regulativ angegangen werden sollen, scheint sie prädestiniert. Doch Wissenschaftler und Praktiker lediglich zusammen in ein Team zu stecken, garantiert noch keine robusten Ergebnisse. Dazu muss man sich

  • über Rollen, Ziele und ein gemeinsames Problemverständnis als Eckpfeiler der Zusammenarbeit verständigen,
  • ausreichend Zeit nicht nur in die Inhalte, sondern auch in die Beziehung zueinander stecken
  • und schon während des Projekts an die "Zeit danach" denken, sich um Strukturen und Personal kümmern, welche die sozialen Innovationen vorantreiben können.

In allen drei Bereichen hat sich die Einbindung externer Perspektiven, beispielsweise von Mentoren oder Coaches, als nützlich erwiesen.

Eckpfeiler einer transdisziplinären Zusammenarbeit

Eine zentrale Herausforderung liegt darin, engagierte Praxispartner zu finden und ihre Motivation über mehrere Jahre auf hohem Niveau zu halten. Dafür sind vor allem zwei Dinge wichtig: Die Praxispartner (aber nicht nur sie allein) müssen sich im Projekt und zum Untersuchungsgegenstand positionieren. Erst recht, wenn sie wenig Erfahrung mit wissenschaftlichen Kooperationen besitzen, brauchen sie Klarheit über die Rollenverteilung und ihre Handlungsfelder. Zweitens müssen sich alle Beteiligten auf eine gemeinsame Zieldimension einigen. Transdisziplinäre Projekte sind voller unterschiedlicher Interessen und Standpunkte, was sie manchmal zu kleinen politischen Arenen macht. Finden die Beteiligten keine Schnittmenge im Sinne gemeinsamer Ziele, drohen der Zerfall und das Ausufern in Teilprojekte mitsamt Koordinationsverlusten und der einheitliche Außenauftritt schwindet. Für Externe wird es schwierig, das Projekt wahr- und ernst zu nehmen. Umso wichtiger ist eine gemeinsame Problem- und Situationsdefinition mit Unterstützung visualisierender Verfahren. Sie sind intuitiver und eignen sich wesentlich besser, um Stakeholdern das Projekt näher zu bringen. Ein geeignetes Brückenkonzept sind Konstellationsanalysen. Sie besitzen auch einen strategischen Wert: Werden Akteure mit etwa Technik- und Umweltelementen und Diskursen in Relation gesetzt, erscheinen Handlungsbedarfe und -alternativen prominenter.

Mit der richtigen Erwartungshaltung zu robusten Ergebnissen

Aus der Interessenvielfalt in transdisziplinären Projekten folgen unterschiedliche Erwartungshaltungen daran, was der Verbund leisten soll und kann. Jedes Teammitglied, sei es aus Wissenschaft, Verwaltung oder Wirtschaft, strebt eine andere Verwertung der Ergebnisse an und möchte das Projekt entsprechend ausrichten. Erwartungen und  Interessen müssen auch deswegen offen  diskutiert werden, weil so manche Position eines Partners für andere unverständlich ist. Was unausgesprochen bleibt, bietet Platz für persönliche Interpretationen, Missverständnisse und reduziert die Gruppenleistung. Nicht nur transdisziplinäre Projekte nehmen sich zu selten Zeit, Metathemen anzusprechen und die eigene Koordination und Kollaboration in den Blick zu nehmen. Doch genau dieser Rahmen ist bei ihnen umso wichtiger. Er strukturiert die Zusammenarbeit und koordiniert die Arbeitsinhalte. Die nötigen Extratermine werden zunächst mit Stirnrunzeln kommentiert, im Nachgang aber meistens als positiv beschrieben: "Es war gut, sich dafür mal die Zeit genommen zu haben. Das macht man viel zu selten." Unsere Erfahrung zeigt, dass selbst Projekte, die sich inhaltlich intensiv abstimmen, hierzu fast gedrängt werden müssen. Denn was als nicht direkt zielführend erscheint, wird wider besseres Wissen gerne verschoben. Eine externe Moderation solcher Termine bietet sich auch deswegen an, weil dadurch die Leiter in ihrem Rollenkonflikt als Wissenschaftler und neutrale Führungsperson entlastet werden. Zudem kann ein Blick von außen Fragen formulieren, die durch ihre Direktheit und Einfachheit die wirklich grundlegenden Themen adressieren. Davon profitiert dann auch der fachliche Fortschritt.

Nach dem Projekt ist während des Projekts

Transdisziplinäre Projekte wollen einen Mehrwert über ihre Laufzeit hinaus generieren. Dies geschieht in zweifacher Hinsicht durch Arbeit an Strukturen und Investitionen in Köpfe. Ersteres meint, schon während der aktiven Projektphase die Zeit danach mitzudenken und die Voraussetzungen zu schaffen, angestoßenen sozialen Innovationen die nötige Eigendynamik zu verpassen. Investitionen in Köpfe heißt, individuelle Lernprozesse anzuregen und persönliche Erfahrungen im transdisziplinären Management zu vergegenwärtigen, um sie so in die eigene Herkunftsorganisationen weitergeben zu können. Transdisziplinäre Projekte sind gegenüber Weiterqualifizierungen zwar sehr offen, doch aus der Innenperspektive ist eine dezidierte Reflexion transdisziplinärer Prozesse oft schwierig.

Das wachsende Interesse von Forschungsinstitutionen und Fördermittelgebern am transdisziplinären Arbeiten führt zu ersten Professionalisierungstendenzen. Die dennoch vorhandene Unsicherheit vieler Beteiligter in diesem Bereich zeigt aber auch, dass transdisziplinäre Projekte externe Perspektiven von Mentoren und Coaches in ihre Arbeit aufnehmen sollten.

Tel.: +49(0)30 34 34 74 52
E-Mail
© Ralf-Uwe Limbach PT Jülich

"Fachliche Kompetenzen sind wichtig, doch Erfolg hat nur, wer sich aufeinander einlässt und sich die unterschiedlichen Sichtweisen und Prioritäten auch gegenseitig zumutet."

Dr. Susanne Schön